Tagung Winter is coming - kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins A Song of Ice and Fire / Game of Thrones
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Winter is coming -

kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins A Song of Ice and Fire / Game of Thrones

Interdisziplinäre Tagung vom 09.-11. Oktober 2015 im Schloss Blutenburg.

Der Tagungsband zu "Winter is coming" mit dem Titel "Die Welt von Game of Thrones", erschienen im transcript Verlag, ist ab sofort im Handel erhältlich. Weitere Informationen unter http://www.transcript-verlag.de/detail/index/sArticle/3571

 dieweltvongot

George R.R. Martins Fantasy-Zyklus A Song of Ice and Fire, von dem bislang fünf Romane erschienen sind, hat es nicht allein in die amerikanischen und europäischen Bestseller-Listen geschafft, vielmehr zeigen sich auch die Kritiker solcher bekanntermaßen wenig phantastikaffinen Zeitungen wie der Washington Post oder der FAZ durchaus von der Reihe angetan. A Song of Ice and Fire gilt vielen Interpreten bereits als eine der ernsthaftesten künstlerischen Unternehmungen zur Wiederbelebung des ansonsten eher durch stereotypes Mittelmaß gekennzeichneten Genres der High Fantasy seit Tolkien und den Inklings. Dieser Erfolg und das Faszinationspotential, auf dem er beruht, manifestieren sich neben den stetig wachsenden Verkaufzahlen - der vierte Band, A Feast for Crows, erreichte sofort nach seinem Erscheinen 2005 die Spitzenposition der amerikanischen Bestseller-Listen - auch in Phänomenen der Zweitverwertung wie (Computer-)Spielen, Fanartikeln sowie der im März 2012 auch in Deutschland ausgestrahlten, von HBO für über 80 Millionen Dollar produzierten ersten Staffel der Fernsehserie A Game of Thrones, mittlerweile ist die sechste Staffel in Produktion. Hinzu kommt eine ausgeprägte Fankultur mit mehreren aufwendig designten Websites, die A Song of Ice and Fire gewidmet sind, sowie den in der Fantasy-Szene üblichen, turnusmäßig abgehaltenen Fan-Cons. 

Winter is Coming Plakat

"The Seven Kingdoms of Westeros". AKADoom, Deviantart. CC-Lizenz (Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 3.0 License)

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Serie liegt in ihrer Kombination von klassischen Ingredienzien der Fantasy mit für dieses Genre ungewöhnlich komplexen psychologischen Elementen und narrativen Verfahren. Während ein ausdifferenzierter Entwurf einer mittelalterliche Züge tragenden „secondary world“ mit unterschiedlichen Kulturen, Nationen, Ethnien und Sprachen einschließlich einer ‚quasi-historischen Tiefenschicht’, die durch Mythen und Erzählungen tradiert wird, zum Standard-Repertoire der Fantasy gehört, weisen Themen und Motive wie der Kampf verschiedener Dynastien um die Vorherrschaft eines ,vereinigten Königreichs’ eher auf die englische Geschichte im Zeitalter des 'Rosenkriegs', die schon Shakespeare in seinen Historien verarbeitet hat, so dass Andreas Kilb in der FAZ vom 22. März 2012 anlässlich der Ausstrahlung der ersten Staffel von Game of Thrones zutreffend von einer „Fabel aus dem Geist von Shakespeares Königsdramen“ gesprochen hat. Doch auch die Tradierungszusammenhänge wie unterschiedliche Weisen der Geschichtsschreibung, der Fixierung von Wissensordnungen sowie der oftmals divergenten Relation von individuellem, kommunikativem und kollektivem Gedächtnis werden innerhalb der Diegese hinterfragt - die Fiktion trägt mithin selbst die Züge von Wissensarchäologie und Medienkritik.


Zudem werden die innerhalb des Genres schon in ihrer Wirkungsweise mehr oder minder verbrauchten Motive wie Fabelwesen, Magie und Schwertkampf eher sparsam eingesetzt, die Darstellung konzentriert sich stärker auf die Psychologie und Motivationen der Charaktere, was schon in dem für die Fantasy ungewöhnlichen narrativen Modus deutlich wird, der stringent durchgehalten ist: Jedes Kapitel wird in der dritten Person aus der Perspektive einer Reflektorfigur erzählt, wobei diese point-of-view-Erzählweise konsequent durchgehalten ist, sich jedoch die Liste der Figuren, die als Reflektorfiguren fungieren, von Band zu Band erweitert. Ebenso ungewöhnlich für das doch ansonsten sehr maskulin dominierte Genre ist das außergewöhnliche Spektrum und die wesentliche Bedeutung der Frauenfiguren, die nicht als Staffage, sondern als aktiv das Geschehen mit bestimmende „strong players“ gestaltet sind, und die ganz unterschiedliche soziale Rollenmodelle - einschließlich derer, die verweigert werden - verkörpern, was wiederum an die Romane C.S. Lewis’ oder Ursula K. LeGuins gemahnt. Hier zeigt sich auch die besondere Bedeutung von Familien-, Clan-, Feudal- und anderen Sozialstrukturen (etwa im Bastard Jon Snow, einer der Hauptfiguren). Dabei offenbart sich ein quasi soziologischer wie sozialpsychologischer Blick auf die Handlungsträger und ihre jeweilige Motivation, die nicht selten im Konflikt mit den gesellschaftlichen Zwängen deren repressive Strukturen umso deutlicher hervorkehrt. Dadurch werden moralische Codes auf eine Weise hinterfragt, die sich einem naiv-schlichten, rigide fixierten Schema von Gut und Böse, das ja so häufig in der Fantasy anzutreffen ist, verweigert.


Der immense Detailrealismus in der Schilderung der fiktiven Welt, der sich auf die soziale Sphäre ebenso bezieht wie auf religiöse Bräuche oder alltägliche Verrichtungen, aber auch auf Architektur, Speisen, Getränke, Waffen sowie die Elemente der natürlichen Welt, trägt weiterhin zur überzeugenden Schöpfung einer fiktiven Welt in dem Sinne bei, wie Roland Barthes’ dies als Realitätseffekte des Akzidentiellen für die Schreibweise des (französischen) Realismus bestimmt hatte. In der Tat erinnert Martins Detailfetischismus, der allerdings auch die motivischen Verknüpfungen dabei keineswegs außer Acht lässt, an entsprechende Verfahren etwa bei Thomas Hardy. Hinzu kommt, dass die Tradierungszusammenhänge, mit denen auf die mythische oder historische Vergangenheit der dargestellten Welt verwiesen werden, selbst im Text kritisch hinterfragt werden. Mit anderen Worten wird eine immanente, aber zum Teil auch explizite Diskurskritik à la Foucault betrieben, indem aufgezeigt wird, dass Tradierung und kollektives Gedächtnis immer interessengeleitet funktioniert, dass Diskurse immer von Machtinteressen geprägt sind - was ins Archiv des kollektiven Gedächtnisses kommt und in welcher Form, entscheiden die Träger der Macht.


Die Tagung möchte eine erste wissenschaftliche Annäherung an das Phänomen A Song of Ice and Fire leisten. Diskutiert werden sollen Fragen der narrativen Verfahren, der Konstruktion einer epischen Sekundärwelt, der Personendarstellung und insbesondere auch der Gender-Konzeption. Da die Phantastik ein hochgradig hybridisierender ästhetischer Modus ist, wird ein weiterer Schwerpunkt auf den intertextuellen Phänomenen, den Anspielungen wie den möglichen Quellen - historisch, mythisch, literarisch etc. - liegen. Die mediale Zweitverwertung ursprünglich literarisch entwickelter Sekundärwelten in Film, Rollen- und Computerspiel sowie in allen Formen des Spielzeugs und Merchandising (etwa unter dem Brand „Valyrian Steel“ vertriebene Nachbildungen von Waffen aus A Song of Ice and Fire) bildet einen weiteren thematischen Akzent. Davon ausgehend soll nicht zuletzt aus kultursoziologischer Perspektive die Frage nach der Signifikanz solcher Phänomene für unsere Gegenwartskultur gestellt werden, was die politische Dimension mit einschließt, etwa in der Frage: Steigt bei einer kollektiv empfundenen und anscheinend unkalkulierbaren Bedrohung die Sehnsucht nach der Familie als der - scheinbar (und dies zu hinterfragen ist auch eine Qualität der Romane) - stabilsten und verlässlichsten sozialen Entität? Denn auch in diesem Sinne lässt sich das Motto des Hauses Stark deuten: „Winter is coming“.

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Zur Teilnahme an der Tagung ist keine Voranmeldung nötig.

Der Eintritt ist frei!

Veranstaltungsort: 

Internationale Jugendbibliothek
Schloss Blutenburg
Seldweg 15
81247 München

Organisation:

Michael Baumann
Robert Baumgartner
Tobias Eder
Markus May


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