Tagung Winter is coming - kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins A Song of Ice and Fire / Game of Thrones
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Corvus Corax und Game of Thrones

Ein Blick hinter die Kulissen der Serie und der Produktion1

Die seit 1989 mit wechselnden Besetzungen bestehende Gruppe Corvus Corax2 ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Bands der deutschsprachigen Mittelalterszene. Die musikalische Ausrichtung deckt eine Bandbreite ab, die von szeneüblicher Folk-Musik in sehr freier Auslegung des Begriffes „Mittelalter“ über Kompositionen für Computerspiele wie Gothic 33 und Dragon Age: Origins4 bis hin zu musikhistorisch ambitionierten Projekten wie etwa Cantus Buranus5 , einer Neuvertonung der Carmina Burana unter Einbeziehung klassischen Orchesters, reicht. Im Spannungsfeld von Fantasy, Phantasie und historisch-kritischer Auseinandersetzung angesiedelt, zeigt Corvus Corax durchaus Berührungspunkte zu A Song of Ice and Fire und Game of Thrones als komplexen postmodernen medialen Phänomenen der Gegenwart.
Dass die spezifische Art und Weise, in der sowohl die Band wie auch die HBO-Serie Artefakte aus dem viel beschworenen „Archiv der Postmoderne“ kombinieren, einander ähnelt, bestätigt sich implizit durch die Casting-Entscheidung der Games of Thrones-Produzenten:
Corvus Corax nahm am Dreh der in dieser Form nie ausgestrahlten Pilotfolge6 zur ersten Staffel teil. Der vorliegende Text liefert Einblicke in die Anfänge der Produktion der Serie, aber wirft auch ein Schlaglicht auf die Auswirkungen, die A Song of Ice and Fire / Game of Thrones als Meilenstein zeitgenössischer Fantasy die auf die „Mittelalterszene“ hat.
Das Interview führte und transkribierte Jeanette Leinweber, für Corvus Corax sprach Bandmitglied Norbert „Norri“ Drescher alias „Harmann der Drescher“.

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Beim Dreh im schottischen Doune Castle: Corvus Corax und George R.R. Martin.

JL: Norbert „Norri“ Drescher, wir sind hier zusammengekommen, um uns über Game of Thrones auszutauschen – was hat Corvus Corax mit Game of Thrones zu tun – und: wie ist es dazu gekommen?

Norri: Prinzipiell hatten wir damit eigentlich gar nichts zu tun, bis zum 13. Juli 2009, als uns eine E-Mail-Anfrage erreichte, ob wir nicht an einer Serie von HBO, für die ein Pilotfilm gedreht werden soll, teilnehmen möchten: die Produzenten7 hätten das ganz gerne. Und diese Serie hieße Game of Thrones. Das hat uns jetzt erstmal nichts gesagt. Ein Problem für uns war auch, dass ein Teil der Band für diese Zeit schon Urlaub geplant hatte. Ich habe dann mit den Produzenten Kontakt aufgenommen. Wir hatten dann tatsächlich Interesse und haben mit den Kollegen, die zu diesem Zeitpunkt nicht konnten, gesprochen. Die fanden es in Ordnung, dass wir das ohne sie machen.
So kam es dazu, dass wir für den Pilotfilm der Serie eingeplant wurden. Das ging alles sehr schnell. Für den 20. Oktober 2009 wurden wir nach Belfast eingeladen, um eine Kostümprobe zu machen.

JL: Also die Produzenten haben Corvus Corax gar nicht mit ihren Kostümen eingebucht, sondern die wollten Euch dann eigentlich auch als Darsteller in der Serie?

Norri: So gemischt. Also es war so, ich habe natürlich, als wir vor Ort waren, dann auch mal mit den Produzenten geredet – die waren ja auch vor Ort – und wollte wissen, wie die überhaupt auf uns gekommen sind. Und das war dann tatsächlich YouTube. (lacht)

JL: Die Produzenten haben Euch wirklich auf Youtube gefunden?

Norri: Ja, sie haben nach einer Band gesucht für die Szene, die ja dann auch in gewisser Weise in der ersten Folge von der tatsächlich ausgestrahlten Serie zu sehen ist: das Fest auf Burg Winterfell. Da ist ja die Szene, in der die Starks König Robert Baratheon und seinen ganzen Hofstaat zu Besuch haben. Dafür war ein großes Fest geplant, und da braucht man natürlich auch Musiker. Dafür haben die Produzenten nach einer Band gesucht – das haben sie tatsächlich im Internet gemacht und stießen dann auf uns. Sie meinten, ein Video hat sie dann beeindruckt, da haben sie gesagt: ‚Das ist einfach wirklich genau die Band, die wir für genau diese Serie brauchen, Corvus Corax.‘Gesehen hatten sie den Saltarello8 - eine wirklich alte Aufnahme. Da haben sie uns natürlich mit unseren Bühnenkostümen gesehen. Als wir dann in Belfast bei der Kostümprobe waren, hatten sie natürlich schon auch ein Bild vor Augen, wie alles aussehen soll. Das sieht man ja auch an der Serie, dass sich die Produzenten da schon sehr viel Gedanken darüber machen, wie das ganze Outfit von den Figuren ist – da konnte man nicht einfach uns, so wie wir sind, hinstellen. Wir haben dann unsere Klamotten in Kombination mit Kostümen aus ihrem Fundus getragen, weil sie unsere Sachen schon gut fanden und einfach nur wollten, dass das trotz alledem in die ganze Szenerie noch besser reinpasst.

JL: Eure Kostüme sollten also stimmiger werden?

Norri: Ja. Wir hatten dann sozusagen eine Mischung. Ich würde sagen, die Hälfte von unseren Kostümen war Corvus Corax und die andere Hälfte waren zusätzliche Sachen, die wir von den Game of Thrones-Leuten bekommen haben. Und: Perücken! Und das ist ja auch völlig logisch: Wir hatten damals auch sehr ,ausgefallene‘ Frisuren, die Haare waren teilweise bunt, ein Kollege hatte Hörner. Solche Sachen haben dann natürlich visuell überhaupt gar nicht gepasst. Da gibt es auch schöne Fotos von uns wie wir mit Perücken aussehen. Danach habe ich dann auch beschlossen, auf meine damals noch knallroten Haare doch langfristig zu verzichten, weil ich mir dachte: ‚Ja, die haben völlig recht.‘ Für die Musik, die wir machen, und die Visualisierung dazu, die das Publikum dann auf der Bühne mitkriegt, da hat mir das seitdem wirklich gar nicht mehr gepasst. Ich habe das vorher schon infrage gestellt, aber an diesem Punkt habe ich dann endgültig gesagt: Knallrote Haare ist einfach ein Widerspruch, der mir nicht gefällt. Jetzt sind die nicht mehr rot. (lacht)

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Corvus Corax im Kostüm – die Spielleute auf Winterfell

JL: Diese Veränderung kam also aufgrund von Game of Thrones?

Norri: Ja, tatsächlich. Die Serie hat mir den finalen Anstoß gegeben dazu, zu sagen: ,Nein, das lassen wir jetzt einfach mal weg.‘ Das ist schon wie für die Zuschauer von Game of Thrones: Wenn die Leute zum Konzert zu uns kommen, vermittelt man da ja eine Atmosphäre, allein schon durch die Musik, oder eben in der Serie auch durch die Bilder und durch die Geschichte, die natürlich möglichst insgesamt stimmig sein sollte – und da hat es mich dann wirklich gestört. Als ich mir dann die Bilder angesehen habe von den Dreharbeiten, da dachte ich mir: ‚Ja, das sieht schon einfach cooler aus, einfach passender.‘

JL: Lass uns nochmal zu eurem Dreh zurückkommen – wie ging das nach der Zusage weiter?

Norri: Wie gesagt, so kam es, dass wir relativ kurzfristig engagiert wurden für den Dreh ... wir sind dann nach Belfast geflogen. Dort war die komplette Requisite, wir wurden dann vermessen, wir haben dort die Sachen angezogen bekommen, die noch als Zusatz wichtig waren, damit wir optisch in Game of Thrones reinpassen. Das wurde alles mit unseren Namen etikettiert. Als alles fertig war, wurden dann natürlich Fotos von uns gemacht – so wie überhaupt die ganze Zeit Fotos gemacht wurden, auch beim Videodreh, also beim Serien- bzw. Pilotfilmdreh. Das war schon abgefahren. Es wurde alles mit Fotos dokumentiert, damit man keine Anschlussfehler hat. Bei der Masse an Leuten, die da mitmachten, konnte man so immer wieder nachvollziehen, wie das Kostüm eigentlich gedacht war.

JL: Wie viele Leute waren denn da vor Ort?

Norri: Also später beim eigentlichen Dreh des Pilotfilms waren da bestimmt mindestens fünfzig Personen.

JL: Ja, klar, da muss man von jedem wissen, wo er wann ist und ob das Kostüm stimmt..

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Impressionen vom Drehort Doune Castle

Norri: Ja, genau. Also locker fünfzig Leute. Gut, nach der Anprobe in Irland sind wir wieder nach Hause geflogen und dann ging es später weiter nach Schottland. Am 20. Oktober 2009 waren wir zur Anprobe und am 25. Oktober 2009 sind wir dann schon nach Schottland geflogen. Der 26. und der 27. waren die eigentlichen Drehtage auf der Burg Doune Castle, auf der ja auch eine nicht unbekannte Truppe namens Monty Python gedreht hatte – Die Ritter der Kokosnuss9 . Genau da wurde dann ein riesengroßer Raum eingerichtet, phänomenal, wie man es ja auch in der ersten Folge sehen kann. Die Bilder sind ja tatsächlich auch teilweise in der ersten Folge der Serie zu sehen, die wurde nicht komplett neu gedreht. Ein paar Szenen mussten nachgedreht werden, das ist der Grund dafür, dass wir dann leider in der Serie nicht offensichtlich zu sehen sind.
Wir haben vor Ort die Produzenten kennen gelernt, mit denen wir auch immer noch gut in Kontakt sind. Denen tut das auch sehr leid, dass wir dann in der Serie nicht stattgefunden haben. Wer die Serie kennt, wird auch wissen warum: Weil kurz nachdem dieses Fest da stattgefunden hat, wurde ja dann Burg Winterfell ,geschliffen‘, wie man so schön sagt. Die ganze Familie wurde auseinandergenommen, die Burg wurde von anderen Leuten übernommen und dadurch fand in der Serie keine Szene mehr statt, in der wir nochmal hätten spielen können, weil die Stark-Familie also solche gar nicht mehr Herr über die eigene Burg war. Sonst wären wir auf jeden Fall wieder in der Serie aufgetaucht, die Produzenten sagen auch immer, wenn mal wieder der Moment kommt, wo wir einfach wieder passen, sind wir sofort mit dabei. Das war halt einfach Pech. Manchmal laufen die Dinge eben so.
Was kann man noch dazu sagen? Wir haben vor Ort den eigentlichen Schriftsteller, den Schöpfer des Werkes kennen gelernt, den Herrn Martin. Der war, was man ja dann später in den Medien auch mitbekommen hat, auf jeden Fall am Anfang immer vor Ort bei den Drehs mit dabei, um zu überprüfen, ob das alles so läuft, wie er sich das eigentlich gedacht hat.

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Der große Saal von Winterfell

JL: Also hast Du den Eindruck, es ist wirklich auch in seinem Sinne gedreht worden?

Norri: Unbedingt. Ja. Er war auch sehr zufrieden damit. Wie das dann später in der Serie lief, das weiß ich natürlich nicht, weil ich da keinen Anteil und keinen direkten Kontakt mehr hatte, aber damals war das schon so, dass das auch wirklich mit den Drehbuchautoren von HBO alles komplett in Absprache lief und er selber die ganze Zeit darauf geachtet hat, dass das in seinem Sinne läuft. Dass sowas niemals eine eins zu eins Umsetzung sein kann, ist klar. Das kennt man auch von anderen Buchverfilmungen, das geht halt einfach nicht. Deswegen sind da bestimmte Erzählstränge weggelassen, mitunter kommen dann eben auch welche dazu, um einfach für so eine Serie die Dramaturgie noch besser aufbauen zu können.

JL: Das heißt, George R.R. Martin gefällt eure Musik aber auch?

Norri: Er fand das super.

JL: Wie lief das dann mit Eurer Aufnahme genau?


Norri: Wir haben vor Ort wirklich unsere eigenen Lieder gespielt – das ist jetzt tatsächlich schon so lange her ... die ‚Ballade de Mercy’ haben wir auf jeden Fall gespielt als Akustikversion. Das war auch für uns eine Überraschung, wir wussten ja vorab nicht, wie die Produktion läuft. Das war organisiert, dass wir vor den eigentlichen Dreharbeiten mit den Schauspielern in der Halle, in der dann später auch die Dreharbeiten stattfanden, gespielt haben. So perfektionistisch waren die Produzenten: Damit der Raumklang genau der ist, der auch zu dem Raum gehört, haben die uns da uns unsere Sachen alle aufbauen lassen und uns dort aufgenommen. Also es wurden nicht irgendwelche Playbacks aus dem Studio oder sowas genommen, sondern die haben darauf bestanden, dass wir vor Ort das spielen. Zum Dreh mit den Schauspielern wurde dann die Aufnahme, die wir vorher gemacht haben, als Playback abgespielt. Da können wir natürlich nicht in echt spielen, das geht nicht mit der Übersprechung, der Mikrofone der Schauspieler usw.
Aber wir haben eben zu der vor Ort von uns eingespielten Musik agiert. Das fand ich wirklich sehr beeindruckend – wir hatten auch schon mit anderen Produktionen zu tun, da wurde das nicht so gemacht. Das ist dann vielleicht auch der Unterschied, warum die Serie schon so viele Preise bekommen hat, die geben sich dafür unglaublich viel Mühe. Und wie gesagt: Das haben wir allein schon daran festgestellt, dass wir in dem Raum spielen sollten und wir genau da halt die Aufnahmen gemacht haben. Da dachte ich mir eben auch: ‚Wow, das ist aber mutig.‘ Aber: Das sollte realistisch klingen.

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Corvus Corax beim Aufbau

Ja. Viel mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. So ein Drehtag ist natürlich anstrengend, weil er überwiegend aus Warten besteht. Ich bin es als Musiker schon gewohnt viel zu warten, aber da war es echt krass. Da kommt eine Szene, in der wir im Hintergrund zu sehen sind, also müssen wir spielen. Dann kommt einfach mal zwei Stunden lang keine Szene, man weiß aber vorher nicht ganz genau, wie groß die Pause ist. Das heißt, du musst die ganze Zeit, wie auch die Schauspieler, eigentlich immer Stand-By sein. Die ganze Zeit. Den ganzen Tag. Weil es kann sein, dass der Regisseur, der Produzent, irgendjemand sagt: ‚Lasst uns die Szene nochmal vorziehen.‘ Krass. Also: Warten, warten, warten. Und: Tja, ich meine, es hat alles super geklappt.
Es wurde dann auch wirklich jedes Mal ein Foto gemacht. Es wurden nicht nur Fotos von uns gemacht und von jedem Schauspieler, Polaroids, diese Abziehbilder – sondern auch tatsächlich von dem ganzen Aufbau. Ich meine, da sind Kerzen. Die brennen runter. Also auch darauf wurde geachtet. Und es wurde natürlich darauf geachtet, dass jeder Schauspieler, jeder Statist, direkt vor der Szene nochmal kurz gecheckt wird, ob die Sachen so sitzen wie vorher. Ob was dazu gekommen ist oder ob etwas fehlt. Damit man nicht diese klassischen Anschlussfehler hat, bei der einen Szene hat er den Metallhandschuh links und beim nächsten Mal hat er einen rechts an, oder irgend so ein Quatsch. Darauf haben die extrem geachtet. Wir haben tatsächlich auch – deswegen war es ein bisschen schwierig mit Szenen hin und her springen – extrem darauf geachtet, dass die Szenen trotz alledem in einer gewissen Reihenfolge gedreht wurden, weil in einer Szene, wo das Fest anfängt, die Kerzen noch relativ groß sind, und in einer Szene, die relativ weit hinten kommt – was weiß ich, die Party läuft schon zwei Stunden – die Kerzen natürlich weiter runtergebrannt sind. Da konnte man nicht nochmal eine Szene nachdrehen, die vorher war – oder: Es mussten die Kerzen ausgewechselt werden. Super geil. Also fand ich auch echt spannend, wie da so gearbeitet wurde.
Vor Ort, die Schauspieler, alles ... es war eine super Crew. Man hatte irgendwie nie das Gefühl, dass es da eine Mehr-Klassen-Gesellschaft gibt, die Wichtigen und die Unwichtigen. Es wurde sich um alle Leute gleich gekümmert, das wurde bei jedem gecheckt, ob er wirklich ,richtig‘ aussieht. Super.

JL: Ein großer Aufwand.

Norri: Ja. Ein wirklich großer Aufwand.

JL: Und du hast dich wohl gefühlt vor Ort?

Norri: Unbedingt. Es war natürlich auch so, das fand ich eben auch spannend, dass wir nicht von irgendeiner Nebenabteilung ausgesucht wurden für diesen Film, sondern von den Produzenten selber. Die haben gesagt, diese Band wollen wir. Es mag sein, dass irgendwie vorab schon mal eine Vorauswahl getroffen wurde und man sich vom Internet ein paar Sachen zusammengesucht hat, aber die waren diejenigen, die auch total Bescheid wussten. Die haben uns gleich begrüßt. Das war nicht so, dass die da mal auf die Schnelle von irgendjemandem informiert wurden, das da ist übrigens die Band, die wir für euch hier ran geholt haben, sondern die wussten das selber. Das fand ich schon auch toll.

JL: Da fühlt man sich definitiv dann vernünftig aufgehoben. Schaut ihr die Serie denn jetzt selbst auch?

Norri: Ja. Also ich habe eine ganze Weile gewartet, weil ... nun, ich habe früher unglaublich viele Fantasybücher gelesen, dafür wurde ich auch immer in meiner Jugend und auch ein bisschen älter verlacht, weil ich so ein Sci-Fi-/Fantasy-Mensch war und die Leute immer meinten, das wäre doch irgendwie keine vernünftige Literatur, was natürlich totaler Nonsens ist. Da gibt es echt sehr tolle Schriftsteller. Tatsächlich hatte ich aber das Opus von dem Herrn Martin nicht gelesen, wollte aber dann, als die Serie anfing, nicht diese Häppchen-Nummer haben. Ich habe auch den Herrn der Ringe10 schon dreimal durchgelesen – und den lese ich am Stück. Auch Elric von Melniboné11 habe ich am Stück gelesen, auch schon drei- oder viermal. Sowas kann ich nicht: Ein Heft - und dann ein halbes Jahr später das nächste Kapitel, das geht bei mir so nicht. Deswegen habe ich eine Weile gewartet, aber als dann die ersten vier Staffeln raus waren, habe ich dann doch mal damit angefangen ... ich habe es ein bisschen bereut, denn jetzt muss ich wieder warten. (lacht) Aber ich dachte mir, weil wir dafür nun selber auch geholt wurden, dass wir da mitmachen: ‚Jetzt muss ich aber doch einfach mal sehen, was denn daraus geworden ist.‘ Da war ich dann doch ungeduldig.
Und ich muss sagen: Tolle Serie. Ich hatte natürlich vorher viel darüber gelesen. Das Buch zu lesen habe ich immer noch nicht geschafft, weil ich einfach echt zu viele andere Sachen zu tun habe, aberman kriegt natürlich trotzdem über die Medien genug mit. Da dachte ich mir: ‚So. Wow. Kann das echt so gut sein?’ ... und dann habe ich mir die Serie, die vier Staffeln angesehen, und ich muss sagen: Wow. Ist schon echt cool gemacht.

JL: Siehst du das als realistische Umsetzung?

Norri: Was heißt realistisch?

JL: Naja, man sieht ja, dass ihr auch als Band einen musikhistorischen Anspruch habt, das heißt schon eine Art von ,historischer Getreuheit‘ dabei ... ich versuche gerade das Wort ‚Authentizität’ zu vermeiden, denn das trifft es ja nicht ...

Norri: Ja, ok. Also die Serie ist ja nun eindeutig eine Fantasy-Serie, es gibt ja auch andere Serien, die auch als fantastische Literatur angesehen werden, die aber nun definitiv, sagen wir mal, im Mittelalter stattfinden, die also wirklich räumlich und zeitlich da verortet sind. Das ist natürlich bei Game of Thrones nicht so, aber diese Serie bedient sich vieler Elemente aus dem Mittelalter und meiner Ansicht nach auch teilweise sogar noch früher. Ich denke mal, das ist auch ziemlich clever, weil man so als Zuschauer trotzdem einen einfacheren Zugang dazu hat, als bei einer totalen Fantasy-Sache wie zum Beispiel Wüstenplanet12 ... da werden auch teilweise solche Elemente genutzt, aber das ist nun eindeutig Science-Fiction. Da wird wirklich eine andere Welt irgendwo in der Zukunft, vielleicht auch eine Parallelwelt, in einer völlig anderen Galaxie dargestellt, mit Raumfahrt und dem ganzen Kram, trotzdem werden halt auch solche Strukturen genutzt ... bei Game of Thrones ist es für mich auf jeden Fall so, dass das schon sehr stark verankert ist in der Geschichte, die wir hier haben, auf unserem Planeten - wo das aber nun wirklich ist, wird ja nicht erklärt.

JL: Ist das wo vielleicht auch irrelevant?

Norri: Ja. So gesehen ist natürlich ,Wie realistisch ist das ?‘ eine interessante Frage. Theoretisch gibt es da totale Freiheit. Aber so wie ich das sehe, ist das schon relativ realistisch, wenn man unsere eigene Menschheitsgeschichte so sieht. Da wird schon extrem darauf geachtet, das merkt man auch einfach schon bei den Materialien. Es wird genau hingesehen. Da ist halt offensichtlich kein Plastik, sag ich jetzt mal so ganz salopp. Das ist so, wie wir das auch immer als Band machen. Wir sind natürlich jetzt keine Wissenschaftler in dem Sinn, die nun unbedingt zeigen wollen, wie es ganz genau früher war, sondern wir nehmen ganz, ganz viel von früher aus dem Mittelalter, achten darauf, dass bestimmte Sachen definitiv – sagen wir mal – ,authentisch‘ sind. Wir benutzen auch nur Metall und Leder und Stoffe, die es tatsächlich ,theoretisch‘ gab, viele Sachen sind nun mal einfach nicht überliefert, weil sie im Laufe der Zeit verrottet sind. Etwas aus Holz ist nach tausend Jahren im Zweifelsfall weg, Leder ist auch weg. Fotos gab es damals nicht, es gab keine CD-Aufnahmen oder Schallplatten, es gibt halt einfach nur Bücher, in denen etwas beschrieben wurde, es gibt Zeichnungen, Malereien, Fresken – für uns sind zum Beispiel Kirchen ganz große Quellen an Informationen. Die große Drehleier, die wir haben, haben wir adaptiert von einer Bildhauereiarbeit von der großen Kathedrale in Santiago de Compostela. Dort sieht man eine große Drehleier, die von zwei Mönchen gespielt wird. Man kann nicht in das Instrument hineinschauen, aber man weiß, wie es von außen aussah. Und ... so gesehen ist das bei Game of Thrones schon auch auf eine Art ,realistisch‘. Die Kulturen, die da gezeigt werden, die verschiedenen Völker, den technischen Stand den sie haben - genau die Möglichkeiten, die der technische Stand bietet, werden in der Serie genutzt. Nicht mehr. Ja. Das ist für mich ,authentisch‘. Da ist kein Widerspruch für mich. Das passt alles sehr sehr gut.

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Mönche mit Drehleier (Pórtico de la Gloria, Catedral de Santiago de Compostela, Fassadendetail)13

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Drehleier - Eigenanfertigung14 von Corvus Corax

JL: Das ist letztendlich auch das, was immer wieder als Realismus angesprochen wird, der in der Serie umgesetzt sei. Wo Du dann auch ganz klar sagst: Ja.

Norri: Ja. Eine andere Frage ist, wie realistisch sind die Ideen von dem Herrn Martin in Bilder umgesetzt. Das kann ich jetzt nicht sagen, weil ich die Bücher noch nicht gelesen habe. Aber weil er halt von Anfang an mit dabei war, gehe ich mal davon aus, dass das schon auch so ist, wie er sich das vorgestellt hat.

JL: Daran anschließend: Es treten ja in Game of Thrones sehr viele Sänger, Troubadoure, Bänkelsänger etc. auf. Immer mal wieder wird davon gesprochen, dass Corvus Corax das Konzept der „Rückkehr des Spielmanns“ erfunden hat. Wenn man jetzt von diesem Konzept ausgeht, inwieweit hat Game of Thrones denn in diesem Sinne, in diesem Geiste auch gewirkt bzw. trägt das auch weiter?

Norri: Dass der Spielmann in der heutigen Zeit wieder eine wahrgenommene Figur ist?

JL: Ja, beziehungsweise dass er erst einmal zu einem attraktiven Konzept wird.

Norri: Ja, sagen wir mal so - es gab vorher, vor Game of Thrones, schon eine nicht gerade kleine sogenannte ,Mittelalterszene‘. Leute, die Musik gemacht haben, nicht nur Musik, sondern die auch das Handwerk wiederbelebt haben, was man heute auf guten Märkten immer noch findet, wo man Schmiede hat, Bildhauer, Leute, die mit Holz arbeiten, die Textilien so herstellen, wie man es früher gemacht hat, bis hin zu Wassermühlen, die ... Filz klopfen, sage ich mal so, ich weiß jetzt nicht, was der Fachausdruck dafür ist. Also wirklich sehr viele Leute, die das Handwerk aus alten Zeiten insofern reanimiert haben. Dann kam die riesengroße Fantasywelle, vor allem mit Herr der Ringe. Herr der Ringe ist ja nicht Mittelalter, aber trotzdem: dem Interesse an alten Sachen, der ganzen Idee, der Phantasie wieder Platz zu geben, und dann halt auch dem Mittelalter mit Phantasie zu begegnen, hat das natürlich noch eine Menge Zulauf gegeben. Ich denke, Game of Thrones, als etwas, was so ein bisschen dazwischen liegt, hat der ganzen Sache nochmal einen wirklichen Schub gegeben. Das würde schon so sehen.
Inwieweit die Serie das Konzept des Spielmanns wirklich unterstützt hat - ich meine, ich habe nur die ersten vier Staffeln gesehen, da kam mir nun gar nicht so viel Musik drin vor. Eigentlich sogar viel zu wenig. (lacht) Ich glaube, so spezifisch, dass Leute sagen: ,So eine Musik möchte ich auch machen oder eine Band, die in den Rahmen reinpasst, möchte ich mir unbedingt angucken‘ – das glaube ich eigentlich eher nicht. Aber das Interesse prinzipiell, vielleicht an ,mittelalterlicher Musik‘, einer Musik die irgendwie ,alt‘ klingend konzipiert ist, die rein akustisch gespielt wird, also nicht mit Stromgitarren, keine E-Gitarre und Elektronik, sondern wie wir das als Corvus Corax ja auch machen, das wirklich alles echte klingende Instrumente sind - ich denke schon, dass dadurch, dass das Konzept der Kulturen in dieser Serie ja auch ein nicht-technologisches ist, schon auch mehr Interesse an nicht-technologischer Musik, wie wir sie machen, geweckt wurde.

JL: Also eher auf einem sekundärem Weg?

Norri: Ja.

JL: Ihr habt ja den Main Title der Filmmusik Ramin Djawadis bearbeitet.15 Warum denn überhaupt?

Norri: Tja, das ist folgendermaßen: Wie ich ja schon sagte, habe ich die ersten vier Staffeln gesehen, und die auch fließend, jeden Tag zwei, drei Folgen. Und irgendwann saß ich dann da, und das Intro lief wieder, und da dachte ich mir: ,Sag mal, diese Melodie, die kann man doch eins zu eins mit dem Dudelsack spielen.‘ Das ist eher unüblich, weil der Dudelsack, das Instrument als solches, einen begrenzten Tonumfang hat. Viele Halbtöne funktionieren zum Beispiel nicht. Man kann auch Dudelsäcke bauen, die eigentlich fast alle Töne haben, aber von der Grundlage her haben sie die nicht. Deswegen fallen viele Melodien dann immer flach. Die kann man einfach nicht spielen. Das ist natürlich auch wieder ein interessanter Hinweis auf das – sagen wir mal ,Realistische‘ der ganzen Serie. Selbst die Musik ist auf eine Art an das Mittelalterliche, an alte Musik angelehnt. Auch die Harmonien, die sich dort finden, sind keine Harmonien in dem modernen klassischen Sinne. Das fand ich total spannend und dachte mir: ,Wow! Das ist ja wie für uns geschrieben.‘

JL: Das hat sozusagen danach geschrien, dass ihr damit was macht?

Norri: Genau. Und dann dachte ich mir so: ,Ok, wir wurden damals von den Produzenten eingeladen, um an dieser Serie mitzuwirken, ich höre diese Melodie, die Titelmelodie, die perfekt für den Dudelsack vorbereitet ist … das müssen wir machen.‘ Das hört sich jetzt schon leicht hochnäsig an, sollte man aber nicht so verstehen. Ich dachte mir: ,Wenn irgendjemand, irgendeine Band auf der Welt irgendwie die Berechtigung hat, diesen Song nachzuspielen, sind wir das.‘ Weil, wie gesagt, die Produzenten wollten, dass wir da mitmachen. Die Produzenten mussten natürlich auch die Melodie von dem Komponisten, der die ganze Filmmusik zu der Serie gemacht hat, absegnen, und da dachte ich: ,Das passt. Und dann machen wir das einfach.‘ Denn hätten wir damit nichts zu tun gehabt, dann hätte ich wohl eher Abstand davon genommen, das zu machen. Dann ist das so ein bisschen so: ,Ja, guck mal hier, Corvus Corax, die springen jetzt hier auf einen fahrenden Zug auf. Eh.‘ Und das muss nicht sein. Sich selber irgendwie bekannt damit machen, dass man etwas total Bekanntes covert, die Idee fand ich noch nie so richtig gut. (lacht)

JL: Verständlich. Und so habt ihr dann den Main Title interpretiert?

Norri: Ja. Ich hab die Kollegen gefragt, was sie von der Idee halten, die haben gesagt: Ja, super. Und dann haben wir das jetzt einfach gemacht. Ich muss noch dazu sagen, wir haben jetzt eine Best Of fertig gestellt, Best Ofs sind natürlich auch immer so eine Sache: ,Denen fällt wohl nix Neues ein.‘ Bla ... bla ... Aber, wir haben nun mal eine wirklich reichliche musikalische Geschichte, so was wir schon alles an Veröffentlichungen haben, ist ja nicht wenig - und es gibt eigentlich auf jeder Veröffentlichung immer mindestens ein, zwei Lieder, die eher zum Träumen anregen. Der Rest ist eigentlich eher zum Feiern gedacht. Und da hatten wir die Idee, einfach mal eine Zusammenstellung all dieser Lieder von all diesen CDs zu machen, wo man den Leuten mal die Möglichkeit gibt, durchzuträumen. Einfach mal eine CD zu hören, wo man nicht so in Unruhe versetzt wird, was ich ja eigentlich auch super finde, sonst würde ich so eine Musik nicht machen, sondern wo man den Leuten die Chance gibt, einfach mal relaxt wo auch immer zu sitzen. Ob man nun einfach nur für sich selber entspannen will oder gerade mit ein paar Leuten ein Rollenspiel macht, ob man gerade am Rechner sitzt und ein Fantasy-Spiel spielt: dass die Musik dazu passt. In diesem Zusammenhang hat das mit Game of Thrones auch einfach super gepasst. Wir haben das Thema sogar noch ein ganz klein wenig langsamer eingespielt als das Original, damit das nicht zu sehr aufregt – also manch einer wird sich vielleicht wundern, aber ja: es ist ein bisschen langsamer. Jemand der das Thema sehr gut kennt, wird dass merken. Das wollten wir aber so, weil das einfach noch besser in das Gesamtkonzept von dieser CD aufgeht.
Tolle Melodie, perfekt für uns umzusetzen, und ... wir haben auch die Produzenten gefragt. Die meinten, na gerne.

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Norri im Kostüm

JL: Mit dieser Rückendeckung kann man das natürlich machen. Norri, ich bedanke mich für das Interview!

Norri: Bitteschön.

Norbert „Norri“ Drescher, M. A. (Paläontologie), ist seit 1985 als Musiker tätig und gehört seit dem Jahr 2000 als Percussionist und Co-Songwriter zu Corvus Corax. Seit 2005 ist er Teil des Projektes Cantus Buranus. Er war als Musiker an zahlreichen Filmproduktionen beteiligt.

Jeanette Leinweber, M. A. (Germanistik, Indogermanische Sprachwissenschaft, Europäische Ethnologie), ist im PR-Bereich tätig und promoviert derzeit an der LMU München in Neuerer und Neuester Deutscher Literatur.

1 Dieses Interview ist von Corvus Corax autorisiert und stellt die bearbeitete und kommentierte Version eines Gesprächsprotokolls vom 09. Juli 2016 dar.

2 Offizielle Website unter http://www.corvuscorax.de

3 Gothic 3 (2006): Piranha Bytes.

4 Dragon Age: Origins (2009): BioWare.

5 Cantus Buranus (2005): Roadrunner; Cantus Buranus II (2008): Pica.

6 Nicht ausgestrahlt aus Gründen, die nichts mit Corvus Corax zu tun hatten; vgl. http://watchersonthewall.com/podcast-reveals-new-info-about-game-of-thrones-disastrous-unaired-pilot/ und http://io9.gizmodo.com/how-different-was-the-unaired-pilot-of-game-of-thrones-473593778 

7 David Benioff und D.B. Weiss, die bisherigen Produzenten von Games of Thrones; speziell für die Pilotfolge auch Tom McCarthy; vgl. http://www.imdb.com/name/nm0565336/bio?ref_=nm_ov_bio_sm

8 aus dem Album Ante Casu Peccati (1989): Pica. Das gemeinte Youtubevideo ist Corvus Corax – Saltarello: https://youtu.be/TIXV2NhLb_0

9 Im Original Gilliam, Terry/Jones, Terry (UK 1975): Monty Python and the Holy Grail .Zu den Drehorten vgl. http://www.british-film-locations.com/Monty-Python-and-the-Holy-Grail-1975

10 Deutschsprachig z.B. Tolkien, J.R.R. (2002): Der Herr der Ringe. 3 Bände. Stuttgart: Heyne.

11 Die sogenannten ,Elric-Novels‘; deutschsprachig: Moorcock, Michael (2002): Elric von Melniboné. Die Sage vom Ende der Zeit. Band 1-8. München: Heyne.

12 Deutschsprachig z.B.: Herbert, Frank (2001): Der Wüstenplanet. München: Heyne.

13 http://www.organistrum.com/ap.htm

14 Vgl. dazu auch: Corvus Corax - Wim Organistrum (Cantus Buranus) https://vk.com/video2196725_168526802

15 Corvus Corax Trioculi (Game of Thrones Main Title) https://youtu.be/nX6Roz8Q3K0