Tagung Winter is coming - kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins A Song of Ice and Fire / Game of Thrones
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Themenslots

1. „All dwarves are bastards in their fathers‘ eyes“
- Familien-Politik und dynastische Fragen

A Song of Ice and Fire stützt sich wie keine andere moderne Fantasy-Reihe auf die Institution der Familie. Dabei orientiert sich ASOIAF an mittelalterlichen Feudal- und Sozialstrukturen, die nicht nur als Teil des Settings fungieren, sondern denen in hohem Maße handlungsmotivierende Funktionen zukommen. Die handlungsbestimmenden Konflikte resultieren zu großen Teilen aus den Spannungen der mächtigen Familien untereinander wie auch innerhalb dieser Familien. Zugleich thematisiert ASOIAF auch die Problematik einer solch rigiden, weitestgehend sozial immobilen und durch Geburtsrecht und Familienzugehörigkeit bestimmten Gesellschaftsstruktur und deren Ausgrenzungsmechanismen anhand solcher Gestalten wie Bastarde, Krüppel und Outcasts. Neben solchen Familienverbänden existieren aber auch quasi-familiäre Sozialverbände wie die Nights Watch, die Maester der Zitadelle, die Kingsguard sowie religiöse Orden und militärische Verbände wie die Brotherhood without Banners oder die Second Sons.

2. „Sharp steel and strong arms rule this world, don’t ever believe any different.”
- Kulturgeographie und Geopolitik

Kulturelle Konsolidierungsprozesse leben immer von der Bestimmung des Verhältnisses von Eigenem und Fremden sowie dessen Tradierung - daraus entsteht die jeweilige Ideologie. Dazu gehört auch stets ein fest umrissener Raum, in dem sich diese kulturellen Selbstbestimmungsprozesse vollziehen und der durch mehr oder minder rigide Grenzen (z.B. the Wall) definiert ist. Dabei werden Transformationsprozesse vorgenommen, die nicht selten in Unterdrückung, Verdrängung, Zerstörung und Auslöschung dessen, was als „anders“ fixiert wird, kulminieren (z.B. Children of the Forest). Dabei prägen die dynastischen Strukturen der Eroberer den Raum immer wieder aufs Neue und setzen einen unbedingten Assimilationsdruck, der nur die Alternative zwischen Anpassung oder Tod - in manchen Fällen auch Exil - kennt. Die Welt von ASOIAF ist durchgängig von kolonialistischen Mechanismen geprägt, die selbst da greifen - und mithin implizit problematisiert werden - wo tatsächlich ein zivilisatorischer Fortschritt erreicht wird (z.B. Daeneris Targaryens Sklavenbefreiungs-Feldzug).

3. „When you play the game of thrones, you win or you die. There is no middle ground.”
- Ethik, Moral und Politik

ASOIAF hinterfragt in einer in der Heroic Fantasy bislang unbekannten Komplexität die Codes von Ethik, Moral und Politik. Die Konflikte in der erzählten Welt sind auch immer Konflikte unterschiedlicher moralischer oder ethischer Codes, von denen aber keiner von einer übergeordneten Instanz als „gut“ oder „böse“ markiert ist. Dabei spielt eine nahezu machiavellistisch zu nennende Trennung zwischen öffentlichem Erscheinungsbild und tatsächlichem Verhalten der politischen und militärischen Entscheidungsträger eine wesentliche Rolle. Die medievalisierende, auf ein Ideal von Rittertum abzielende Kultur von Westeros wird als eine Scheinideologie entlarvt (vor allem anhand der Desillusionierung der zunächst an die Realität dieser Ideale naiv glaubenden Sansa Stark). Die Inkompatibilität von ethischen und moralischen Idealen mit den pragmatischen Erfordernissen der Realpolitik wurde in der Fantasy noch nie auf so umfängliche Weise thematisiert wie in ASOIAF. Dem entspricht auch, dass den zentralen Figuren eine enorme Entwicklung zugebilligt wird, innerhalb derer sich erstaunliche Wandlungen vollziehen (wie z.B. bei Jamie Lannister).

4. „If a girl can’t fight, why should she have a coat of arms?“
- Gender-Diskurse und soziale Fragen

Das Gesellschaftsmodell von ASOIAF basiert auf einer quasi-mittelalterlichen feudalen Sozialstruktur, in der die Rollenzuweisungen fixiert sind. Gerade Figuren, die von den strukturellen Rahmenbedingungen diskriminiert werden - Frauen, Krüppel, Bastarde (in der ASOIAF-Terminologie), Vertreter anderer Ethnien sowie alle Formen sozialer Outcasts -, avancieren in ihrer Auseinandersetzung mit den Diskriminierungen und Beschränkungen, die ihnen aufgezwungen werden, zu zentralen Handlungsträgern. Von ihrer agency wird der Plot in ebenso entscheidender Weise geprägt wie von den Repräsentanten der hegemonialen Macht. Gerade im Zusammenstoß bzw. Konflikt der agencies der Outsider mit denen der vermeintlich Mächtigen wird die Handlung vorangetrieben. Dabei weicht die scheinbar so rigide soziale Positionierung auf und die Figuren erleben einen Wandel ihres sozialen und machtpolitischen Status - daran offenbart sich die prekäre Labilität der vermeintlich so festgefügten gesellschaftlichen Ordnung.

5. „The gods are blind. And men only see what they wish.“
- Religion und Mythen

Die Präsentation von unterschiedlichen Religionen erreicht in ASOIAF eine bislang in der Fantasy kaum vorhandene Komplexität, die über die klassische Verwendung metaphysischer Systeme als quasi epistemische Erklärung für die Ereignisse des Wunderbaren innerhalb des Weltmodells bei weitem hinausgeht. Gleichzeitig werden Religionen und Mythen auch als politische Instrumente in den Händen religiöser und säkularer Institutionen charakterisiert. Die Folge dieser doppelten Charakterisierung ist ein Spannungsverhältnis, das Religionen und Mythen nie zweifelsfrei in einer festen diskursiven Position lokalisiert. Trotzdem lassen sich unterschiedliche Grade an metaphysischen Wirkungspotenzen der diversen Religionen in den bislang erschienenen Bänden der Reihe konstatieren: Von kompletter Wirkungslosigkeit (the Seven) bis zum veritablen Wunder der Wiederauferweckung von den Toten (R’llohr/Lord of Light).

6. „A reader lives a thousand lives before he dies […]. The man who never reads lives only one.”
- Das Archiv und die Medienreflexion

Die Komplexität und Tiefe der Sekundärwelt von ASOIAF wird nicht zuletzt durch eine ebenso detailliert wie ambivalent gestaltete Historie erreicht. Die Widersprüche und Konvergenzen unterschiedlicher Überlieferungstechniken, wie die schriftlichen Aufzeichnungen der Maester und die mündlich überlieferten Märchen, Mythen und Lieder, eröffnen so nicht nur den Zugriff auf einen komplexen historischen Diskurs, sondern zeigen auch deutlich den formativen Einfluss der jeweils herrschenden, teilweise miteinander in Konkurrenz stehenden Ideologien, die die Überlieferung in ihrem Sinn zu steuern und zu dominieren versuchen. Michel Foucaults Prämisse, dass der Diskurs Ausdruck der Beschneidungen und Ausgrenzungen von alternativen Sinnpotentialen durch die Macht darstellt, wird in besonderer Weise in der Welt von ASOIAF reflektiert, was in dieser Komplexität für die Heroic Fantasy eher ungewöhnlich ist. Neben der physischen Gewalt des Schwerts wird Macht auch als Diskursmacht thematisiert. Die Differenz zwischen offizieller und inoffizieller Überlieferung wird in ASOIAF häufig durch die Differenz der Medien indiziert, vor allem, was den Aspekt von - offizieller - Schriftlichkeit und - inoffizieller - Mündlichkeit betrifft, womit die Existenz verschiedener Formen des Archivs, ja divergenter Archive illustriert wird, die zwischen kommunikativem und kollektivem Gedächtnis changieren.

7. „Prophecy is like a half-trained mule […]. It looks as though it might be useful but the moment you trust in it, it kicks you in the head.”
- Rätsel und Mystifikation (einschließlich Träume, Prophezeiungen, Visionen)

ASOIAF zeichnet sich durch eine für den Bereich der Fantasy zunächst eher aufgeklärte epistemologische Position der Weltsicht aus, für die die Maester der Zitadelle - gewissermaßen die Repräsentanten des wissenschaftlichen Denkens - einstehen. Dagegen lässt sich im Verlauf der Geschichte von ASOIAF nach der Geburt der Drachen eine Zunahme übernatürlicher Phänomene beobachten, die an der alleinigen Legitimität des entmystifizierten, modern-rationalistischen Weltzugangs zweifeln lassen. Die Valenz dieser Phänomene und ihrer Erklärung werden selbst zu Diskursen in der erzählten Welt. Dazu zählen in hohem Maße auch die zahlreichen Prophezeiungen, Visionen und Träume. Hinzu kommt, dass viele Zusammenhänge natürlicher Art rätselhaft und über weite Strecken unaufgeklärt bleiben, wie z.B. die Herkunft Jon Snows, aber von einer großen Relevanz für den Gesamtzusammenhang der Erzählung sind. Hierbei werden alternative Fährten gelegt, die zu konkurrierenden Erklärungsmustern führen. Das Rätsel wird so auf eine narrativ anspruchsvolle Weise zum Basisbestandteil der erzählten Welt.

8. „The oak recalls the acorn, the acorn dreams of the oak, the stump lives in them both.“
- Transmedialität

Die Welt von ASOIAF wird längst nicht mehr nur durch die gleichnamige Romanreihe erzählt. Diese bildet vielmehr die Basis eines kontinuierlich expandierenden transmedialen Universums bzw. einer „storyworld“ im Sinne der Arbeiten von Henry Jenkins oder Marie-Laure Ryan u.a. Das bekannteste Beispiel transmedialer Übertragung ist zweifellos die von HBO produzierte TV-Serie Game of Thrones: Sie ist zwar im engeren Sinne als Adaption zu bezeichnen, transformiert den Ursprungsstoff jedoch durch die Anpassung an die spezifische Medialität des seriellen TV-Formats in so signifikanter Weise, dass sie als ein durchaus eigenständiger Forschungsgegenstand Interesse beanspruchen darf. Diese ästhetische Anreicherung durch transmediale Prozesse setzt sich in den im selben fiktiven Universum angesiedelten, allerdings zu einem früheren Zeitpunkt als ASOIAF spielenden Erzählungen wie den Kurzromanen (novellas) bzw. graphic novels um „Dunk and Egg“ oder den ebenfalls in der Welt von ASOIAF situierten Videospielen fort (ein von Telltale Games entwickeltes Adventure mit der TV-Lizenz erscheint z.Zt. episodenweise); erweitert wird das Ganze durch ergänzende Materialien wie Sachbücher zur Geographie, Geschichte und Kulinarik von Westeros und Essos. Dabei findet in diesen supplementären Beiträgen nicht allein eine Ausweitung des ASOIAF-Universums bezüglich seines Detailreichtums, sondern auch hinsichtlich seiner Tiefenstrukturen statt: Divergenzen sowie Interdependenzen zwischen den einzelnen Medienprodukten liefern unterschiedliche Perspektiven auf denselben Stoff und erschaffen so eine Welt, die Rezipienten zur aktiven Partizipation anregt - als Interpretierende und als Archivare des Wissens. Dies zeigt sich in besonderem Maße darin, dass mittlerweile mehrere aufwendig gestaltete, differenziert aufgebaute und content-reiche Websites existieren, die der Diskussion und Erforschung des fiktiven Universums von ASOIAF gewidmet sind und die in ihrer Summe eine zeitgemäße Form digitaler Enzyklopädik.